Löwenpudel der Saison 2025/2026: „Empty Stands“ – Die Laudatio

Vermisst in der Kurve – verloren an ME/CFS: Empty Stands ist unser Löwenpudel der Saison 2025/26

Woche für Woche besuchen in Deutschland im Schnitt 714.000 Menschen ein Fußballspiel in den oberen 3 Profiligen: Für viele von ihnen ist der Stadionbesuch weit mehr als die 90 Minuten Kampf um Punkte und Tore auf dem Rasen. Ein Großteil der Besucher trifft hier regelmäßig Freunde und Bekannte, man tauscht sich bei Bier und Bratwurst nicht nur über Aufstellung, Taktik oder den Tabellenstand aus, sondern auch über viele andere Themen: Familie, Arbeit, Freizeitaktivitäten – vor, nach und teilweise während des Spiels sind die Kurven Orte der Begegnung und Gemeinschaft. Freundschaften sind aus diesen Begegnungen erwachsen, manchmal sogar sind daraus Partnerschaften und Familien entstanden, für zahlreiche Fans sind die Menschen auf den benachbarten Steh- und Sitzplätzen sogar etwas wie eine zweite Familie geworden. Insbesondere während der Corona-Pandemie haben viele von uns diese Begegnungen vermisst: Das gemeinsame Mitfiebern, Jubeln, Weinen, Trauern, sich in den Armen liegen, Trost spenden, sich gegenseitig Halt geben im schon oftmals schweren Alltag fehlte uns allen. Wir sind dankbar, dass diese Zeit vorbei ist und wir an diese Orte der Emotionen und Leidenschaften, die wir häufig schon als Kinder mit unseren Eltern aufsuchen konnten, nach knapp zwei Jahren zurückkehren durften.

Doch für viele Menschen unter uns ist die Rückkehr ins Stadion bis heute so gut wie ausgeschlossen: Tausende Fußballfans konnten nach der Pandemie kaum oder gar nicht mehr in ihr geliebtes Stadion mit den Menschen, die ihnen wichtig sind, gehen.

Sie leiden an ME/CFS, Long Covid und Post-Vac.

Sonja Tschirch aus Bad Essen ist seit ihrer Kindheit Fan des VfL Osnabrück. Über 25 Jahre verfolgt sie nun schon die Spiele der Lila-Weißen, seit vielen Jahren besitzt sie eine Dauerkarte. Sonja ist dem ersten Anschein nach eine lebenslustige junge Frau, sportlich aktiv bei den Judo Crocodiles und erfolgreiche Kraftsportlerin. Die gelernte Sozialarbeiterin stand mitten im Leben, als im Dezember 2021 das Post-Vac-Syndrom in jenes trat und ihren Alltag biszum heutigen Tag zum Negativen veränderte. Post-Vac bezeichnetanhaltende, vielfältige Beschwerden, die kurz nach einer COVID-19-Impfung auftreten und Symptomen von Long-COVID ähneln. Zu den Hauptsymptomen gehören Fatigue (extreme Müdigkeit), Belastungsintoleranz (PEM), Kopfschmerzen, Schwindel und neurologische Störungen. Die Ursache ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt, wird aber oft mit einer gestörten Immunantwort in Verbindung gebracht. Sonja ist mit dieser Krankheit nicht alleine. In der Bundesrepublik gibt es rund 650.000 Menschen, die an ME/CFS, Long Covid und Post-Vac erkrankt sind. Bei der überwiegenden Anzahl kam es zur Erkrankung nach einer Covid 19-Infektion, manche Menschen wie Sonja haben auf eine Impfung negativ reagiert. 650.000 Menschen, diese Zahl mag im Vergleich zu gut 83 Millionen Einwohnern in der Bundesrepublik zunächst nicht allzu groß klingen. Doch nur mal zum Vergleich: Dies sind mehr Menschen als Einwohner die Stadt Stuttgart hat, und auch mehr Menschen als an Diabetes Typ 1 und Multipler Sklerose zusammen erkrankter Personen in Deutschland. Schon vor der Pandemie war das Chronische Fatigue Syndrom bekannt, infolge der Ausbreitung von COVID 19 hat sich die Zahl der Erkrankten mehr als verdoppelt. Aufgrund fehlender flächendeckender Studien und Diagnoseproblemen gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Schweregrade der Erkrankung variieren, sind aber folgenschwer für alle Betroffenen: Selbst milde erkrankte Personen wie Sonja müssen mit vielen Einschränkungen in ihrem Alltag leben und sind selbst nach leichten Tätigkeiten erschöpft. In schweren Fällen sind Menschen bettlägerig und können nicht mehr das Haus verlassen.

Sonja Tschirch umschreibt ihr Handicap folgendermaßen: „Gehe ich mit meinen Freunden etwas Essen, dann fällt nach dem Besuch eines Restaurants das weitere Abendprogramm aus. Im Alltag muss ich ständig Entscheidungen treffen, was ich mache und womit ich meinen Körper belaste. Putze ich meine Wohnung, kann ich nicht anschließend zum Einkaufen fahren.“ Ein Fußballspiel an der Bremer Brücke kann sie nur noch selten verfolgen. Zu anstrengend ist für ihren Körper der Besuch einer reizstarken Umgebung wie der Bremer Brücke. Den letzten Aufstieg in die 2. Bundesliga verfolgte sie im Stadion und bezahlte ihn teuer, denn ihr Körper reagierte auf die Anstrengung mit einem enormen Krankheitsschub, tagelang konnte sie das Bett nicht verlassen. Geräusche, Licht und andere Reize hatten sie vollkommen überfordert. Schaut Sonja den VfL im Fernsehen, schaltet sie den Ton ab und versucht alle anderen Reize so gut wie möglich zu minimieren, um ein Spiel verfolgen zu können.

Bis heute ist ME/CFS kaum erforscht, Therapien oder gar Medikamente gibt es nicht – wohl aber unzählige Ratschläge von Medizinern, Psychologen und vielen anderen Menschen. Zahlreiche Therapieversuche hat sie begonnen und kämpft wie ihre Leidensgenossen gegen die chronische Erkrankung. Aussicht auf Heilung: Fehlanzeige. Viele Erkrankte von ME/CFS gehen davon aus, dass es noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern wird, ehe die Forschung und der damit verbundene medizinische Fortschritt eine erfolgreiche Behandlung von ME/CFS und damit die Rückkehr in ein Leben wie vor der Erkrankung erlauben. Hinzu kommt ein für Außenstehende nur schwer zu greifender psychologischer Druck: „Stell dich nicht so an“, „Kurier das doch mal ordentlich aus“ oder „Die Symptome bildest du dir doch nur ein“ sind nur einige der zahlreichen Kommentare, die Erkrankte wie Sonja regelmäßig entgegengebracht bekommen. Und auch von Seiten der Politik wird die Erkrankung bislang sehr stiefmütterlich behandelt. Die Erforschung der Krankheit kostet Geld. Geld, dass der Staat sowie die Krankenversicherungen nicht bereit sind auszugeben. Oder eben nur zu einem sehr geringen Teil, der die Forschung weiterhin in den Kinderschuhen stecken lässt.

„Löwenpudel der Saison 2025/2026“: Laudator Jörn Drees. (Quelle: osnapix | Bildagentur)

Ein Stadionbesuch ist für an ME/CFS erkrankte Menschen Fluch und Segen zugleich: „Es ist für unser Krankheitsbild leider Gift, da geht ein Stück der eigenen Identität verloren“, betonte Sonja in einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. Sie suchte Hilfe, Rat und Halt in Selbsthilfegruppen. Und fand jenen zumindest ein Stück weit, als sie im Netz auf andere Fußballfans traf, die ebenfalls erkrankt sind. Manche von ihnen haben das Stadion seit Jahren nicht mehr gesehen, andere schaffen es hin und wieder, verbunden mit großen Anstrengungen und im Anschluss an den Besuch verstärkt auftretenden Symptomen, ihren Herzensverein vor Ort zu unterstützen. Gemeinsam mit rund 90 anderen Betroffenen schloss sich Sonja Tschirch in der Initiative „Empty Stands“ zusammen. Trotz des ständigen Ankämpfens gegen die Krankheit versuchen die Betroffenen auf ihr Leiden aufmerksam zu machen, Politik, Ärztekammern, Krankenkassen, Behörden und Forschende zu einem entschiedeneren Handeln zu bewegen. „Vermisst in der Kurve – verloren an ME/CFS“ lautet der Slogan der Aktivist*innen, die bundesweit, Woche für Woche in verschiedenen Stadien der deutschen Profiligen die Besucher für die Erkrankung und das damit verbundene Leid der Betroffenen sensibilisieren wollen.

Im Frühjahr 2026 konnten wir mit Sonja und ihrem Mitstreiter Aiden Luca Maischain über die Krankheit, ihre Folgen und die Auswirkungen auf ihr Dasein als Fans ausführlich sprechen. Aiden ist Anfang 20, studiert in Mainz und ist Anhänger von Hertha BSC Berlin. Auch er gehört zu den Personen, die einen „milden“ Krankheitsverlauf haben. Mild bedeutet in dem Fall, dass Aiden trotz ausreichend Schlaf morgens aufsteht und sich fühlt, als sei er von einem Lastwagen überfahren worden. Wie Sonja berichtete er von zahlreichen Einschränkungen als Fan, aber vor allem im alltäglichen Leben. Und ebenso bestätigte er die vielen dummen Sprüche und Stigmatisierungen, die die Betroffenen zu ertragen haben. „Ich will einfach nur mal wieder ohne mir Gedanken machen zu müssen ins Stadion gehen können. Ohne das vorher das Kopfkino angeht und sich mögliche Folgen wie mehrtägige Grippesymptome dem Besuch meines Hobbys anschließen. Ich will nicht nur für die 90 Minuten das Spiel sehen, sondern mit meinen Freunden einen Tag verbringen. Einen Tag, der weit mehr ist, als die 90 Minuten Fußballspiel“, schilderte Aiden sehr bewegend seine Gefühle.

„Löwenpudel der Saison 2025/2026“: Empty Stands. (Quelle: osnapix | Bildagentur)

Empty Stands gibt Erkrankten ein Forum und Sprachrohr zugleich: Zum Austausch, zur gegenseitigen Unterstützung, zu gemeinsamen Treffen. Über Vereinsgrenzen hinweg sind Freundschaften entstanden, setzen sich Fußballfans gemeinsam für mehr Aufmerksamkeit, für mehr Forschungsgelder, für mehr gesellschaftliche Anerkennung und für einen ME/CFS-gerechten Stadionbesuch ein. Ein inklusives Stadion bietet an ME/CFS erkrankten Personen die Möglichkeit, ein Fußballspiel zu verfolgen. Empty Stands verfolgt neben den Forderungen an Politik, Behörden, Ärzten und anderen Institutionen auch das Ziel, Fußballvereine im ganzen Bundesgebiet als Partner zu gewinnen und bei Aktionsspieltagen, wie zuletzt beim Spiel des VfL Osnabrück in Wiesbaden, die Erkrankung in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Gehörschutz, reizarme Tribünenbereiche, Sonnenbrillen und andere Hilfsmittel können für Betroffene den Besuch des Stadions erleichtern. Doch um die Krankheit zu besiegen und die nicht in den Kurven vermissten Fußballfans wieder in einen schmerzfreien Lebensalltag zurückzuführen, bedarf es mehr. Empty Stands sammelt in der von ihnen gegründeten Spendenliga Geld für die Forschung, ebenso können sich alle Fans solidarisch zeigen und Sticker und Shirts auf der Webpräsenz der Selbsthilfegruppe erwerben. Die Einnahmen hieraus fließen ebenso in die Erforschung der Krankheit. Empty Stands beschränkt die Arbeit nicht nur auf Deutschland. Erkrankte gibt es auch in anderen Staaten, neben Aktionsspieltagen in den Profi- und Amateurligen der Bundesrepublik gab es schon zahlreiche Auftritte von Empty Stands u.a. in Wien sowie Manchester.

Das Engagement von Sonja Tschirch und ihren Mitstreiter*innen und ihr Kampf gegen die Krankheit und für gesellschaftliche Anerkennung und Forschung bewegt uns sehr. Sie und andere Fußballfans setzen sich am Beispiel des Stadionbesuchs dafür ein, dass mehr als 650.000 Menschen in Deutschland, unter ihnen auch zahlreiche Kinder und Jugendliche, endlich geholfen wird und sie eines Tages wieder mit uns ein beschwerdefreies Leben leben können. Ein Leben in und abseits der Kurven.

Daher zeichnen wir die Initiative „Empty Stands“ mit dem Löwenpudel der Saison 2025/26 aus.

Der Löwenpudel e.V. zu Osnabrück im Mai 2026

Weblinks:

Webseite der Initiative „Empty Stands“