»Es ist cool, wenn du vor deinen Freunden heulst«

In der 53. Minute ist es soweit: Bei dem Heimspiel am Darmstädter Böllenfalltor behält Niklas Schmidt nach einem Anspiel vor Kiels Torhüter Weiner die Ruhe und vollendet zum 2:0 Endstand. Damit bleibt Darmstadt im Rennen um den Aufstieg in die Bundesliga und für Niklas Schmidt endet mit diesem Erfolgserlebnis eine Phase, in der der Druck sehr hoch war, ob er den Erwartungen, die an ihm gestellt wurden, gerecht werden konnte. Denn in dieser Phase ist seine Situation die eines Leihspielers, der in der Winterpause vom französischen Erstligisten FC Toulouse erstmal nur für ein Engagement bis zum Ende der laufenden Saison 25/26 zum SV Darmstadt 98 wechselte und als offensiver Mittelfeldspieler, der den Lilien im Aufstiegskampf helfen sollte, unter enormen Erfolgsdruck stand.

Dass Niklas Schmidt die Herausforderung dieses Transfers überhaupt annahm, ist schon bemerkenswert, denn Niklas Schmidt ist einer der wenigen Profifußballer, die mit ihrer Depression an die Öffentlichkeit gegangen sind. 2023 bekannte er während eines Trainingslagers von Werder Bremen in Spanien erstmals öffentlich, dass er an Depressionen litt. Er erzählte davon, dass er die „Lebensfreude nicht mehr spüre“ und sich in psychologische Behandlung begeben habe.

Das war 15 Jahre nachdem sich der von Depression betroffene und damals für Hannover 96 tätige Torwart Robert Enke sich das Leben nahm und die Öffentlichkeit begann, Depression nicht mehr als Tabu, sondern als eine ernste seelische Krankheit zu behandeln. Depression hat als Krankheit viele Gesichter, mit sehr unterschiedlichen Verläufen, doch sie ist behandelbar. Hauptsymptome von Depressionen sind Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Antriebsmangel. Dazu kommen Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Suizidgedanken oder gar -handlungen. Nach einer internationalen Untersuchung der Spielervereinigung FIFPro leidet etwa jeder vierte Spieler unter Depressionen oder Angstzuständen. Demnach wären von den 1.600 bis 1.700 Spielern in den drei deutschen Profiligen rund 400 von Depressionen betroffenen. Prominente Namen hinter diesen Zahlen sind Sebastian Deisler, Jan Simák, Benjamin Pavard, Andreas Biermann, Martin Amedick, aber auch Trainer*innen wie Ralf Rangnick oder Martina Voss-Tecklenburg. Eine Liste, die sich problemlos weiterführen ließe, aber den Amateurbereich unberücksichtigt lassen würde. Ein Bereich, in dem die Krankheit immer noch stark als Tabu behandelt wird und somit für Betroffene ein erhebliches Stigmata zur Folge haben kann. Wird noch berücksichtigt, dass es im Amateurbereich so gut wie keine Infrastruktur für Hilfs- und Therapieangebote gibt, wird deutlich, warum es hier so gut wie keine Zahlen gibt, Betroffene somit statistisch unsichtbar bleiben und eine hohe Dunkelziffer von Erkrankten wahrscheinlich ist.

Aber hat sich was im Profibereich geändert? Laut einer Studie der Spielergewerkschaft VDV bieten sechzig Prozent aller Profimannschaften ihren Spielern immer noch keine sportpsychologische Betreuung an. Zwar gebe es in Vereinen Mentaltrainer und Sportpsychologen, diese seien aber primär für die Leistungsoptimierung zuständig. Um aber Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und die Prävention zu verbessern, werden zusätzlich Sportpsychiater, also Ärzte für die seelische Gesundheit von Spielern, empfohlen. Die Robert-Enke Stiftung geht noch einen Schritt weiter und hat zusammen mit dem DFB ein Beraternetzwerk mit rund 70 Sportpsychologen ins Leben gerufen, wohlgemerkt außerhalb von Strukturen der Vereine. Damit sinkt die Schwelle zur Kontaktaufnahme und Spieler wie Trainer können sich unabhängig informieren.

Einiges geht voran, aber vieles bleibt auch noch zu tun. Vor allem außerhalb von Vereinsstrukturen, in Fan-Communities vor Ort, in den sozialen Medien, aber auch jeder bei sich im eigenen persönlichen Umfeld, wo die Schwelle zum Gespräch über mentale Probleme immer noch hoch sein kann.

Niklas Schmidt hat 2023 in einem Interview mit dem Spiegel gesagt: „Finde Menschen, denen du vertrauen kannst, und rede mit ihnen über alles! Und geh auf Leute zu, die dir auch professionell helfen können. Das Wort »cool« wird ja in jedem Zusammenhang gebraucht. Aber richtig cool bist du, wenn du deine Probleme aussprechen kannst, wenn du ehrlich bist, wenn du vor deinen Freunden heulst. Es ist ein Zeichen von Stärke – und es schweißt zusammen.“

Wir unterstützen diese Aussage von Niklas Schmidt und möchten zugleich an dieser Stelle ausdrücklich auf ein Angebot hinweisen, das die Robert-Enke-Stiftung ( https://www.robert-enke-stiftung.de/) in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik RWTH Aachen ins Leben gerufen hat.

Es ist eine eine Beratungshotline, die sowohl für Leistungssportler als auch für Personen, die nicht aus dem Sport kommen, Informationen über Depressionen und deren Behandlungsmöglichkeiten anbietet und wissenschaftlich begleitet wird.

Telefon: 0241 80 36 777

Sprechzeiten:Von Montag bis Freitag von 09 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr

Mit dieser Hotline bietet die Robert Enke Stiftung einen direkten und qualifizierten Erstkontakt mit einem Psychiater bzw. Neurologen.

Eure Löwenpudel